Was man nicht alles werden kann. Staatlich geprüfte Artistin und auch Staatlich geprüfter Artist. Daran hätte ich ja nie gedacht. Aber klar, es gibt sie, die Staatliche Schule für Artistik und warum auch nicht. Was sie da tun ist spektakulär. Doch eigentlich geht es ja um Bücher. Aber das ist wohl eher die Rahmenhandlung, die sehr geschickt und souverän die Auftritte der Artisten miteinander verbindet.
Im Wintergarten, wo der Gin Tonic leider auschliesslich nach Tonic schmeckt, gibt es heute ziemlich verwirrende Bouncing Jonglage des sehr überzeugenden Bertan, der mit bis zu 7 Bällen gleichzeitig hantiert. Oder mit 4 Keulen und einem grossen Ball. Alles schwebt und dreht sich, landet im genau richtigen Bruchteil eines Augenblicks an der richtigen Stelle eines Fingers und schwebt dann weiter, während schon 3 weitere Bälle auf den richtigen Körperkontakt warten um dann weitergeschossen zu werden. Oder weiterzuschweben in der Umlaufbahn. Dabei lächelt der smarte junge Mann auch noch andauernd und bewegt sich so locker, als wäre gar nichts dabei. Ist es für ihn wahrscheinlich auch nicht, jedenfalls wesentlich weniger als für uns Zuschauer, die höchstens mit 3 Bällen absolut amateurhaft ein bisschen jonglieren können. Besser gar nicht davon reden. Es ist im Vergleich zu dem was auf der Bühne zu sehen ist absolut nicht der Rede wert.

Sieht leicht aus, ist aber anstrengend
Dafür verdient das Schlappseil eine ausführlichere Erwähnung. Es hängt einfach schlapp zwischen 2 glänzenden Stangen. Es heisst wohl so weil es nicht straff ist. Und darauf sitzt Judith Pietzsch so entspannt als könne sie überhaupt nie, und schon gar nicht gerade jetzt, herunterfallen. Danach verrenkt sie sich, dreht sich, verwindet sich mit dem Seil, entknotet sich wieder und wirkt dabei immer sehr elegant, scheinbar anstrengungslos. Selbst wenn sie im Handstand mit nur einer einzigen Hand kopfüber auf diesem wackeligen schlappen Seil steht. Einfach grandios.
Genau wie die spektakuläre Hula Hoop Nummer des Stars jeder Travestieshow, Philip. Er würde auf jeder Bühne dieser Welt ins Auge stechen. Gross, blond, in extrem engen pinkfarbenen Hotpants. Ein Eyecatcher. Aber hier geht es um viel mehr, nämlich um schwingende Reifen die sich vom Knöchel über die Hüften und über den Hals bis zum Finger am hoch aufgereckten Arm hochwinden und dabei mit entgegenkommenden Reifen ganz locker kreuzen. Um fette Beats und den richtigen Groove mit 5 Reifen an 2 Beinen, 2 Armen und einem Hals. Und das alles auf 12 Zentimeter hohen Hacken. Wirklich grosses Kino. Einer Frau hätte ich das eher zugetraut.
Der Abend vergeht unglaublich schnell, Bücher immer dabei, mittendrin oder als Bühnenbild. Es gibt viel zu sehen, etwa die extremen Verbiegungen von Katharina, die sich allein mit ihren Zähnen festhält, während ihr Körper über ihr in einer 360 Grad Biegung den perfekten Kreis beschreibt und sich ihre Füsse weit hinter den Ohren befinden. Sie knickt einfach rückwärts weg, ihr Hinterkopf berührt ihre Hüfte. Einfach mal so, ganz leicht und locker. Ich wusste vorher gar nicht dass so etwas für einen Menschen überhaupt möglich ist. Aber nach einer Mutantin sah Katharina eigentlich nicht aus. Jedenfalls wird man mit so einer Kontorsionsnummer sogar zum Moskauer Zirkusfestival eingeladen.
Den meisten Applaus erhalten aber trotzdem Vanessa und Sven, und zwar weil sie ihre Groupies im Saal plaziert haben. Der Applaus ist aber auch wirklich verdient, die von den beiden zelebrierte Partnerequilibristik reisst in jedem Augenblick völlig mit. Dabei darf hier mal der Mann der Schwache sein, trotz seines unglaublichen Sixpacks.
Die Tour durch die Lande beginnt jetzt, die Show ist also auch außerhalb Berlins zu sehen. Hoffentlich gibt’s dort richtigen Gin Tonic, so wie in Spanien.




