Bisher erschienen

Kategorien

Letzte Artikel

Meta

Blogroll

16. Mrz. 2011

“Man kann die Ereignisse jahrelang mit Humor hinnehmen, aber letztlich bricht das Leben einem doch immer das Herz.” (Michel Houellebecq)

Während wir am Wochenende in Berlin die Sonne genießen und endlich wieder auf dem Rasen liegen konnten und dabei den Blick in den blauen Himmel schweifen ließen, starben in Japan ungezählte Menschen infolge des Tsunamis.

Blick in den Himmel

Blick in den Himmel

Sicher, Japan ist weit weg, das dortige Unglück betrifft uns nicht unmittelbar, jedenfalls noch nicht. Doch das apokalyptische Gefühl bleibt. Und es endet diesmal nicht nach 90 Minuten wie im Kino bei Roland Emmerich, sondern es geht weiter und frisst sich vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein vor mit all seinen seinen Facetten. Mit Nachbeben, Feuersbrünsten, Vulkanausbrüchen und wie es aussieht inklusive der nuklearen Katastrophe. Genau wie in Japan.

Und trotzdem genieße ich es am Sonntag an der Havel in der Sonne zu sitzen, übers Wasser zu blicken, endlich wieder ein Gefühl von Sommer zu spüren als die ersten Schwärme der zurückkommenden Zugvögel über mir fliegen. Das Leben, es geht weiter, trotz permanenter Katastrophen – seien sie von Menschen verursacht wie bei der andauernden Schlächterei in Libyen oder von der Natur ausgelöst wie in Japan.

Frühling an der Havel

Frühling an der Havel

Wobei in Japan der Tsunami zwar der Auslöser war, doch der Mensch baut seine Kultur und damit seine Atomkraftwerke an der Küste. Ausgerechnet. Wie ungeschickt. In Indien sollen demnächst ganze Atomparks in Erdbebengebieten errichtet werden. Auch hier in Deutschland stehen Atomkraftwerke, die weder einen Flugzeugabsturz verkraften noch Erdbebensicher sind. Die Endlagerung des beinahe ewig strahlenden Abfalls ist sowieso nirgend geklärt, schon das sollte die Nutzung der Kernkraft eindeutig obsolet machen.

Das sahen am Montag gar nicht wenige Menschen genauso, die sich kurzfristig dank moderner Kommunikationstechnik als Flashmob vor dem Kanzleramt versammelten und für die Stilllegung der Atomkraftwerke eine Mahnwache abhielten. Vor genau jenem Kanzleramt, in dem noch in letztem Jahr der Ausstieg aus der Kernkraft in einer internen Runde zwischen der Kanzlerin, deren Namen ich nicht in den Mund nehmen werde, und den Chefs der vier Stromkonzerne ausgekungelt wurde.

Atomkrafte abschalten!

Atomkrafte abschalten!

Politik ist also doch nicht immer so schwerfällig, zumindest nicht wenn es um die Interessen der Wichtigen und Mächtigen sowie deren Profite geht. Dabei wissen wir schon seit spätestens den 80ern dass die Salzstöcke in Deutschland nicht als Endlager des verstrahlten Mülls taugen. Doch das alles spielt keine Rolle, selbst jetzt nicht, nach der japanischen Katastrophe, die sich hoffentlich nicht zu einem zweiten Tschernobyl entwickelt. Es ist immer noch kein Thema. Sind wir unmündig oder lassen wir uns dazu machen?

Scheinbar haben wir uns an Katastrophen gewöhnt. Im Fernsehen, im Kino, bei unseren Nachbarn, auf der anderen Seite des Planeten. Wir bleiben trotzdem ruhig. Vielleicht leicht beunruhigt. Könnten wir doch etwas mit dieser Entwicklung zu tun haben? Sollten wir vielleicht unser Handeln verändern?

Doch was können wir tun? Da wir nicht in erster Linie Bürger mit Wahlrechten, sondern ganz einfach nur Konsumenten sind, müssen wir über unseren Konsum nachdenken. Vielleichten könnten wir den Stromanbieter wechseln und auf Atomstrom verzichten. Das ist einfach und mit ein paar Klicks getan. Klicks, die selbstverständlich bei einem Provider ablaufen sollten, dessen Server nicht mit Atomstrom betrieben werden.

Doch dies alleine wird zwar ein paar Zeichen setzen, da es die Stromkonzerne an ihrer empfindlichsten Stelle, nämlich ihren Einnahmen, trifft. Doch um langfristig etwas zu verändern bedarf es auch einer langfristigen Strategie. Und diese kann nur auf politischer Ebene erfolgen. Mit dem immer kurzfristigeren Blick ausschließlich auf die nächsten Wahlen werden wir damit nicht weiterkommen.

Denn unsere Probleme sind wesentlich tiefsitzender und benötigen dementsprechend Weitblick und Visionen. Ganz und gar jenseits von kurzfristigen Wahlerfolgen. Dabei werden wir uns – und damit meine ich die Menschheit auf unserem gemeinsamen Planeten – nicht alleine auf Politiker verlassen können. Wohin uns diese Delegierung von Verantwortung gebracht hat erkennen wir ja anhand der immer kurzfristiger einschlagenden Katastrophen, an den immer wiederkehrenden Kriegen, bei der Vernichtung vieler Existenzen durch ebenfalls immer häufigere Börsencrashs.

Voraussetzung einer umfassenden und langfristigen Alternative ist eine Menschheit, die sich als Einheit begreift, die sich nicht gegeneinander aufhetzen lässt. Die mit all den heterogenen Kompetenzen ihrer einzelnen Individuen ein gemeinsames Interesse daran entwickelt, tragfähige Modelle zu entwickeln, die weitere Katastrophen möglichst ausschließen. Die Entwicklung einer gemeinsamen Perspektive ist unsere einzige Chance.

Ein Tsunami wird selbstverständlich auch dann immer wieder vorkommen können, genau wie ein Erdbeben. Die Natur lässt sich offensichtlich trotz alles menschengemachten technologischen Fortschritts nicht vorhersehen. Doch Atomkatastrophen, Hungersnöte, Börsencrashs und Kriege um Ressourcen lassen sich vermeiden wenn man sie vermeiden will. Schließlich verdienen längst nicht alle, sondern nur sehr wenige Menschen an diesen selbstgemachten Katastrophen. Sollten wir unsere Perspektive des Egos über Alles nicht ändern wird die japanische Apokalypse irgendwann ganz sicher zu einer, die den gesamten Planeten bedroht.

8. Nov. 2010

Minimalismus im Klang und bei der Performance, darauf stehen sowohl Nathalie Fari als auch Bernhard Reiss. Die beiden ergänzen sich gut, was sie bereits letzten Sommer während des überbordenden Fussballwahns unter Beweis stellten.

Diesmal bespielen der Multi-Instrumentalist Reiss und die zwischen Brasilien und Deutschland pendelnde Performerin Fari eine alte Schokoladenfabrik. Oder besser die ehemals private Wohnung des Pianisten Cristian Niculescu, der seine Räume jetzt der Öffentlichkeit zugänglich macht. Und diese Wohnung liegt eben in einer ehemaligen Schokoladenfabrik, mitten in X-Berg.

Verstilling Nathalie Fari Bernhard Reiss

Abdrehen, ganz langsam

Hier, in der berühmt berüchtigten O-Strasse, die für ihre Strassenschlachten am 1. Mai weit über Berlin hinaus bekannt wurde, dreht sich während der Performance alles um Entschleunigung. Denn Reduktion ist das Thema. Und Minimalismus natürlich. Innehalten und tief durchatmen, endlich einmal zur Ruhe kommen. Ob das klappt, an einem Freitag abend auf der X-Berger Ausgehmeile?

Verstilling II
Freitag 12.11.10 im Studio Niculescu
Oranienstraße 163
10969 X-Berg
Ehemalige Schokoladenfabrik, HH, 1. Stock

26. Okt. 2010

Der vierte europäische Monat der Fotografie überschwemmt seit letzter Woche die Stadt mit Images. In allen Bezirken, in Galerien, Museen und temporären Orten wird im Augenblick der Fotografie als moderner Form der Kunst gehuldigt. Es gibt alles in allen Varianten, wie so oft in Berlin. Grosse Gruppenausstellungen im alten Umspannwerk in Moabit, deren oft schlecht gehängte Fotos gegen das imposante Gebäude leider nicht ankommen, oder kleine Schätze in X-berg von Eva Ugarte, die die glorreichen Zeiten des PostMauerfalls dokumentieren – gefrorene Augenblicke gibt es im Rahmen dieses Fotofestivals wirklich mehr als genug.

en passent

Die Idylle des deutschen Kleinbürgers

Und trotz dieses Overkills hat es ein Foto dennoch geschafft mich aus der Fassung zu bringen. Denn es zeigt ohne jeden Glamour, vollkommen dokumentarisch und entsprechend ungeschminkt was in den Vorstädten so vor sich geht. Und das ist mehr als ernüchternd. In diesem Foto kondensiert einfach der Traum jeden Kleinbürgers, der eben nicht nur in Schwaben, sondern auch mitten in Berlin viel öfter vorkommt als ich zu denken wage. Dieser Kleinbürger baut nicht nur sein Häuschen und stellt einen Zaun darum herum, wahrscheinlich liest er auch Sarrazins Buch und fühlt sich von den Thesen dieses Brandstifters vertreten. Aber das ist jetzt bereits eine politische Spekulation. Bleiben wir bei der ungeschminkten Wahrheit. Und diese ist ab dem 29. Oktober in der Galerie en passent in der Brunnen169 zu sehen.

22. Okt. 2010

Wer in den Nachrichten Israel hört und nicht sofort abschaltet ist bestimmt ein politisch interessierter Mensch. Schließlich kommt zum Begriff Israel unweigerlich die unlösbar erscheinende Endlosschleife Palestina, Gaza und Besetzung mit ihren politischen und religiösen Spielarten. Juden und Moslems und ihr gemeinsamer Glaube an den einen Gott sind dort in komplizierte Konflikte verstrickt, die nicht nur auf Aussenstehende abstrakt und nicht auflösbar und deshalb auf Dauer eben auch langweilig wirken. Also einfach abschalten.

Kunstwerke

Identity reloaded

Jetzt gibt es aber ausgerechnet auf dem Terrain der Kunst eine Möglichkeit, diesen Konflikt auf einer sehr persönlichen Ebene kennenzulernen. Am Beispiel der christlichen Familie Monayer, die arabische Wurzeln hat und das von der jüdischen Armee errichtete Ghetto in Lod überleben konnte, wird der Konflikt in Israel auf einmal wieder sehr real. Dor Guez benutzt dazu vier Videos, in denen er verschiedene Generationen der Familie interviewt. Kurze Schleifen nur, die die Komplexität und Widersprüche zwischen Glauben, Nation und kultureller Identität auf einer persönlichen und deshalb nachvollziehbaren Ebene erlebbar machen. Abschalten gibt es hier nicht, denn mit jeder der vier Arbeiten steigt die Neugier. Und dies ist doch endlich einmal eine positive Nachricht aus Israel.

Noch bis zum 7. November in den Kunstwerken

4. Okt. 2010

Na denn, Realstadt ist eine Ausstellung der Bundesregierung. Eine höchst offizielle Ausstellung also, und gerade deshalb ein El Dorado für Architekten. Denn hier könne sie ihre in mühevoller Arbeit gebauten Modelle präsentieren und die ihrer Kollegen bewundern und uns dabei ganz nebenbei zeigen, was so alles gehen könnte wenn ein Architekt so könnte wie er wollte.

Realstadt Kraftwerk Mitte

Berlin im Jahr 2057

Aber der Star des Abends ist dann doch kein Architekt und schon gar nicht der zuständige Minister. Es ist die Location, in der diese Ausstellung stattfindet. Denn das alte Heizkraftwerk in der Köpenicker Strasse stellt alles in den Schatten was bisher mit Berlin assoziiert wurde. Denn es ist roh. Und es ist gigantisch: Auf 8 Etagen warten 20.000 Quadratmeter darauf bespielt zu werden. Dagegen ist das Berghain geradezu winzig. Und, das ist etwas Neues in Berlin, dieses Kraftwerk ist trotz seines Industriecharmes clean, geradezu sauber.

Realstadt Kraftwerk Mitte

Endlose Weite

Dieses Gebäude soll nach den Wünschen seiner Betreiber allerdings der Kunst gewidmet sein. Es werden im Gegensatz zu ähnlichen Objekten also keine Bässe die dicken Betonmauern und -träger erschüttern. Schließlich gibt es das ja bereits im Keller für die Kids, denn dahin ist der Tresor schon vor geraumer Zeit gezogen. Oben, im Kraftwerk, wird es dagegen einen LuxusSpielplatz für Erwachsene geben. Wir sind gespannt was sich Herr Hegemann alles einfallen lassen wird. Und wie er es finanzieren will.

Realstadt Kraftwerk Mitte

Die umlagerte Bar

Denn dieses gigantische Gebäude erfordert nicht nur großen Aufwand bei der Bespielung, sondern sicher auch nicht gerade geringe laufende Kosten. Aber darüber bereits jetzt zu spekulieren ist kleinlich. Wir sollten diesen außerordentlichen Ort genießen, jetzt, da es ihn nach so langen Vorankündigungen endlich gibt.

13. Jul. 2010

Was man nicht alles werden kann. Staatlich geprüfte Artistin und auch Staatlich geprüfter Artist. Daran hätte ich ja nie gedacht. Aber klar, es gibt sie, die Staatliche Schule für Artistik und warum auch nicht. Was sie da tun ist spektakulär. Doch eigentlich geht es ja um Bücher. Aber das ist wohl eher die Rahmenhandlung, die sehr geschickt und souverän die Auftritte der Artisten miteinander verbindet.

Im Wintergarten, wo der Gin Tonic leider auschliesslich nach Tonic schmeckt, gibt es heute ziemlich verwirrende Bouncing Jonglage des sehr überzeugenden Bertan, der mit bis zu 7 Bällen gleichzeitig hantiert. Oder mit 4 Keulen und einem grossen Ball. Alles schwebt und dreht sich, landet im genau richtigen Bruchteil eines Augenblicks an der richtigen Stelle eines Fingers und schwebt dann weiter, während schon 3 weitere Bälle auf den richtigen Körperkontakt warten um dann weitergeschossen zu werden. Oder weiterzuschweben in der Umlaufbahn. Dabei lächelt der smarte junge Mann auch noch andauernd und bewegt sich so locker, als wäre gar nichts dabei. Ist es für ihn wahrscheinlich auch nicht, jedenfalls wesentlich weniger als für uns Zuschauer, die höchstens mit 3 Bällen absolut amateurhaft ein bisschen jonglieren können. Besser gar nicht davon reden. Es ist im Vergleich zu dem was auf der Bühne zu sehen ist absolut nicht der Rede wert.

Bookstories Show Akrobaten

Sieht leicht aus, ist aber anstrengend

Dafür verdient das Schlappseil eine ausführlichere Erwähnung. Es hängt einfach schlapp zwischen 2 glänzenden Stangen. Es heisst wohl so weil es nicht straff ist. Und darauf sitzt Judith Pietzsch so entspannt als könne sie überhaupt nie, und schon gar nicht gerade jetzt, herunterfallen. Danach verrenkt sie sich, dreht sich, verwindet sich mit dem Seil, entknotet sich wieder und wirkt dabei immer sehr elegant, scheinbar anstrengungslos. Selbst wenn sie im Handstand mit nur einer einzigen Hand kopfüber auf diesem wackeligen schlappen Seil steht. Einfach grandios.

Genau wie die spektakuläre Hula Hoop Nummer des Stars jeder Travestieshow, Philip. Er würde auf jeder Bühne dieser Welt ins Auge stechen. Gross, blond, in extrem engen pinkfarbenen Hotpants. Ein Eyecatcher. Aber hier geht es um viel mehr, nämlich um schwingende Reifen die sich vom Knöchel über die Hüften und über den Hals bis zum Finger am hoch aufgereckten Arm hochwinden und dabei mit entgegenkommenden Reifen ganz locker kreuzen. Um fette Beats und den richtigen Groove mit 5 Reifen an 2 Beinen, 2 Armen und einem Hals. Und das alles auf 12 Zentimeter hohen Hacken. Wirklich grosses Kino. Einer Frau hätte ich das eher zugetraut.

Der Abend vergeht unglaublich schnell, Bücher immer dabei, mittendrin oder als Bühnenbild. Es gibt viel zu sehen, etwa die extremen Verbiegungen von Katharina, die sich allein mit ihren Zähnen festhält, während ihr Körper über ihr in einer 360 Grad Biegung den perfekten Kreis beschreibt und sich ihre Füsse weit hinter den Ohren befinden. Sie knickt einfach rückwärts weg, ihr Hinterkopf berührt ihre Hüfte. Einfach mal so, ganz leicht und locker. Ich wusste vorher gar nicht dass so etwas für einen Menschen überhaupt möglich ist. Aber nach einer Mutantin sah Katharina eigentlich nicht aus. Jedenfalls wird man mit so einer Kontorsionsnummer sogar zum Moskauer Zirkusfestival eingeladen.

Den meisten Applaus erhalten aber trotzdem Vanessa und Sven, und zwar weil sie ihre Groupies im Saal plaziert haben. Der Applaus ist aber auch wirklich verdient, die von den beiden zelebrierte Partnerequilibristik reisst in jedem Augenblick völlig mit. Dabei darf hier mal der Mann der Schwache sein, trotz seines unglaublichen Sixpacks.

Die Tour durch die Lande beginnt jetzt, die Show ist also auch außerhalb Berlins zu sehen. Hoffentlich gibt’s dort richtigen Gin Tonic, so wie in Spanien.

vor »

Tags

Letzte Kommentare

Links