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13. Jul. 2010

Was man nicht alles werden kann. Staatlich geprüfte Artistin und auch Staatlich geprüfter Artist. Daran hätte ich ja nie gedacht. Aber klar, es gibt sie, die Staatliche Schule für Artistik und warum auch nicht. Was sie da tun ist spektakulär. Doch eigentlich geht es ja um Bücher. Aber das ist wohl eher die Rahmenhandlung, die sehr geschickt und souverän die Auftritte der Artisten miteinander verbindet.

Im Wintergarten, wo der Gin Tonic leider auschliesslich nach Tonic schmeckt, gibt es heute ziemlich verwirrende Bouncing Jonglage des sehr überzeugenden Bertan, der mit bis zu 7 Bällen gleichzeitig hantiert. Oder mit 4 Keulen und einem grossen Ball. Alles schwebt und dreht sich, landet im genau richtigen Bruchteil eines Augenblicks an der richtigen Stelle eines Fingers und schwebt dann weiter, während schon 3 weitere Bälle auf den richtigen Körperkontakt warten um dann weitergeschossen zu werden. Oder weiterzuschweben in der Umlaufbahn. Dabei lächelt der smarte junge Mann auch noch andauernd und bewegt sich so locker, als wäre gar nichts dabei. Ist es für ihn wahrscheinlich auch nicht, jedenfalls wesentlich weniger als für uns Zuschauer, die höchstens mit 3 Bällen absolut amateurhaft ein bisschen jonglieren können. Besser gar nicht davon reden. Es ist im Vergleich zu dem was auf der Bühne zu sehen ist absolut nicht der Rede wert.

Bookstories Show Akrobaten

Sieht leicht aus, ist aber anstrengend

Dafür verdient das Schlappseil eine ausführlichere Erwähnung. Es hängt einfach schlapp zwischen 2 glänzenden Stangen. Es heisst wohl so weil es nicht straff ist. Und darauf sitzt Judith Pietzsch so entspannt als könne sie überhaupt nie, und schon gar nicht gerade jetzt, herunterfallen. Danach verrenkt sie sich, dreht sich, verwindet sich mit dem Seil, entknotet sich wieder und wirkt dabei immer sehr elegant, scheinbar anstrengungslos. Selbst wenn sie im Handstand mit nur einer einzigen Hand kopfüber auf diesem wackeligen schlappen Seil steht. Einfach grandios.

Genau wie die spektakuläre Hula Hoop Nummer des Stars jeder Travestieshow, Philip. Er würde auf jeder Bühne dieser Welt ins Auge stechen. Gross, blond, in extrem engen pinkfarbenen Hotpants. Ein Eyecatcher. Aber hier geht es um viel mehr, nämlich um schwingende Reifen die sich vom Knöchel über die Hüften und über den Hals bis zum Finger am hoch aufgereckten Arm hochwinden und dabei mit entgegenkommenden Reifen ganz locker kreuzen. Um fette Beats und den richtigen Groove mit 5 Reifen an 2 Beinen, 2 Armen und einem Hals. Und das alles auf 12 Zentimeter hohen Hacken. Wirklich grosses Kino. Einer Frau hätte ich das eher zugetraut.

Der Abend vergeht unglaublich schnell, Bücher immer dabei, mittendrin oder als Bühnenbild. Es gibt viel zu sehen, etwa die extremen Verbiegungen von Katharina, die sich allein mit ihren Zähnen festhält, während ihr Körper über ihr in einer 360 Grad Biegung den perfekten Kreis beschreibt und sich ihre Füsse weit hinter den Ohren befinden. Sie knickt einfach rückwärts weg, ihr Hinterkopf berührt ihre Hüfte. Einfach mal so, ganz leicht und locker. Ich wusste vorher gar nicht dass so etwas für einen Menschen überhaupt möglich ist. Aber nach einer Mutantin sah Katharina eigentlich nicht aus. Jedenfalls wird man mit so einer Kontorsionsnummer sogar zum Moskauer Zirkusfestival eingeladen.

Den meisten Applaus erhalten aber trotzdem Vanessa und Sven, und zwar weil sie ihre Groupies im Saal plaziert haben. Der Applaus ist aber auch wirklich verdient, die von den beiden zelebrierte Partnerequilibristik reisst in jedem Augenblick völlig mit. Dabei darf hier mal der Mann der Schwache sein, trotz seines unglaublichen Sixpacks.

Die Tour durch die Lande beginnt jetzt, die Show ist also auch außerhalb Berlins zu sehen. Hoffentlich gibt’s dort richtigen Gin Tonic, so wie in Spanien.

28. Jun. 2010

Das offene Bohrloch im Golf von Mexiko sprudelt noch immer munter vor sich hin, und die Sprit verbrennenden Autofahrer stehen vor der Frage wo sie tanken sollen. Der Boykott gegen BP mit seinen Marken Aral und Castrol als Verursacher dieser noch immer ausweglosen Naturkatastrophe hat noch keine weiteren Kreise gezogen, jedenfalls ist davon im öffentlichen Bewusstsein bisher nichts zu bemerken. Grosse Worte ohne Wirkung, aber dies kennen wir ja bereits von vorhergehenden Erfahrungen bei BoykottAktionen von südafrikanischen oder israelischen Produkten.

Berlin Star

Biker brauchen Kaffee

Im Falle von BP ist es sicher am konsequentesten ganz auf Sprit zu verzichten und auf das Fahrrad und die BVG/SBahn umzusteigen, wie das ja bereits hier angesprochen wurde. Dies ist die ökologisch und auch langfristig gesehen einzig richtige Handlung, dazu noch in Berlin sehr einfach umzusetzen. Schliesslich ist Sport ja angeblich auch für die eigene Figur sehr förderlich. Doch wie nicht anders zu erwarten scheitert konsequentes Handeln ja meistens an der eigenen Bequemlichkeit. Deshalb ist die zweitbeste Alternative einfach bei einer anderen Kette zu tanken. Für Biker bietet sich dafür Star an, die zwar nur 10 Tankstellen in in der Stadt vorweisen können, und davon keine einzige innerhalb des SBahnRings. Doch dafür bekommen Motorradfahrer einen Kaffee gratis beim Tanken dazu, immerhin. Und das ist allemal besser als BP zu unterstützen. Auch wenn wir natürlich nicht genau wissen woher der Sprit von Star kommt.

27. Jun. 2010

Es ist mal wieder viel los in der Volksbühne, auch abseits des normalen und gewohnten Theaterbetriebs. Diesmal findet eine Konferenz zur Begriffsklärung des Terminus Kommmunismus statt, und da dies doch ziemlich trocken und sehr abgehangen klingt geht es explizit um Philosophie und Kunst.

Um die Tradition des kommunistischen Gedankens in die Gegenwart zu transformieren nahm Marc Weiser aka Rechenzentrum diesen Kongress zum Anlass, Dsiga Vertovs ersten Tonfilm Entuziazm von 1930 neu zu vertonen und als LivePerformance im Roten Salon zu zeigen.

Der in dokumentarischen Stil realisierte AvantgardeFilm ist der erste Tonfilm Vertovs, die Erfüllung des 5JahresPlans sein grosses Thema. Revolutionär in der damaligen Zeit, mit ungefilterten O-Tönen von Maschinen und Menschen, geht es zunächst um die Überwindung des Einflusses von Kirche und Wodka. Zu Beginn sieht man Betrunkene, die lieber nicht gefilmt werden wollen, man sieht othodoxe Kirchen, deren Türme fallen und deren Kreuze geplündert werden. Eine neue, optimistische Zeit des Aufbruchs hin zum Sozialismus, ganz dem Titel des Films entsprechend. Der Zar, die Kirche und der Alkohol sollen endgültig überwunden werden. Die Brigaden arbeiten für die Übererfüllung des Plans, für ihre eigene, selbstgewählte Zukunft. Schwarze Kohle und heller, fliessender Stahl in starken schwarzweissen Bildern. Aufbruch, Energie und Lärm allerorten.

Marc Weiser Entuziazm

Enthusiasmus im Roten Salon

Diesen ungefilterten Lärm des Originals wandelt Weiser in seiner LiveKomposition zu etwas neuem, zeitgemässem. Selbstverständlich ist dies weniger pathetisch, schließlich wissen wir um das Scheitern der 5JahresPläne, auch um das Ende der kommunistischen EinParteienHerrschaft. Die Bilder aus dem Stahlwerk erscheinen uns nicht mehr selbstverständlich als Sinnbild des Fortschritts, sondern zumindest auch als Raubbau an der Natur. Und dies ist den Kompositionen Weisers anzumerken.

Intensive und manchmal auch bedrohliche Rhythmik, auf Basis der vorgefundenen Klänge von Vertov, lassen uns nicht mehr direkt und ungefiltert an der Euphorie der handelnden Arbeiter teilhaben. Diese Arbeiter erscheinen mit diesen neuen Klängen selbst als Mittel zum Zweck, der allein darin besteht das Fortschrittsideal der – wie wir heute wissen – allein massgebenden Partei zu realisieren. Dabei gelingt Weiser das Kunststück diesen 80 Jahre alten Film auch für uns heutige Skeptiker des Fortschritts, die wir im globalen Kapitalismus leben und uns von der Idee des gemeinsamen Handelns allein im Dienste einer idealistischen Idee überwiegend verabschiedet haben, von Neuem lebendig, interessant und vor allem hörbar zu machen. Schließlich sollten wir doch alle etwas wollen um endlich weiterzukommen in unserem Bemühen um eine lebenswertere Welt, und etwas Enthusiasmus wäre dabei sicher sehr hilfreich.

22. Jun. 2010

Endlich ist es geschafft, der Sommer ist da! Die kürzeste Nacht des Jahres, gebührend gefeiert mit einem Paddelausflug auf der Spree. Das kleine Holzboot, schwankend auf den Wellen, gefüllt mit Bier und Jägermeister und uns natürlich. Ein wildes Saxophon klingt von der Oberbaumbrücke über das warme Wasser des Flusses herüber. Ansonsten ist es erstaunlich ruhig auf dem Wasser.

Sonnenstrahl in der Brunnenstrasse

Erleuchtung

Nach einem Tag voller Musik ist das auch sehr angenehm so. Die Féte de la Musique, ebenfalls ein Symbol des Sommerbeginns, verteilt sich ja überall innerhalb des SBahnRings. Rock, Salsa, Swing, Pop, Jazz, Muzak, Techno, es gibt wirklich fast alles ausser CountryDub. Doch wir hängen bei lahmen Elektrogehoppel auf der Schillingbrücke ab. Aus alter Tradition. Jedesmal ein bisschen weiter weg von DanceFloor. Der um 22:00 sowieso abgeschaltet wird, man ist da jetzt strikt in der Stadt.

Deshalb ist es gut jetzt weit weg von leeren Flaschen auf dem Boden in dieser dunklen Nacht einfach auf dem Wasser zu schaukeln. Vorbei am Badeschiff, verrosteten Kähnen und einem hell beleuchteten Traumhaus, dabei ein Bier zu trinken und den Blick zu geniessen. Da wird es schon langsam heller, das Schwarz verblaut sich langsam, die Sonne nicht zu sehen. Der Tag schiebt sich ins Bewusstsein. Die Nächte werden wieder länger werden.

17. Jun. 2010

SchwarzRotGold weht wieder auf den Autodächern, Hausfassaden sind beflaggt und die Deutschen haben endlich wieder ein Thema das alle scheinbar zusammenschweisst. Es handelt sich dabei natürlich um Fussball, den kleinsten gemeinsamen Nenner einer sich immer weiter polarisierenden Gesellschaft. Wenn der Steuerzahler die Schulden der Bankster begleichen muss, die Verluste also sozialisiert werden, muss natürlich Ablenkung her um die wachsende Wut und Ohnmacht irgendwie zu kanalisieren. Deshalb hofft das Merkel sicherlich auf ein neues Sommermärchen, das von der chaotischen, völlig visionslosen und inkompetenten Politik ablenken könnte. Und wenn es nur für wenige Wochen ist.

WM Fussball Vuvuzela

Die deutsche Vuvuzela

Doch war vor vier Jahren noch Rudelglotzen als Massenereigniss ein Novum, zeigt sich diesmal ein etwas ausdifferenzierteres Angebot. Sicher, es wird demnächst am Brandenburger Tor wieder eine Fanmeile geben, doch Beamer stehen inzwischen überall und der Sound der Vuvuzelas ist in der ganzen Stadt zu hören. Diese Frequenz, irgendwo zwischen A und Ais, weltweit aus allen TVGeräten strömend und auf das kollektive Bewusstsein der Bewohner dieses Planeten wirkend, ist keine althergebrachte südafrikanische Tradition, sondern eher ein Massenversuch der Fifa zur kollektiven Meditation, die aber leider zu sicherlich nicht vorgesehenen Aggressionen führt. Trotzdem finden sich diese für deutsche Lande neuen Instrumente inzwischen überall. Die Lust am Krach scheint unbezwingbar.

Sei es bei den betuchteren, Champagner trinkenden MitteHippstern bei Karlsson auf dem Dach, den trendigen, Cocktails schlürfenden Rodeo Besuchern im neuen Ressort, dem etwas prolligeren Charlies Beach mit Currywurst oder auf der .hbc Terrasse gegenüber des Roten Rathauses – Fussballerlebnisse präsentieren sich dieses Jahr deutlich zielgruppenspezifisch. Für jeden wird der adäquate Ort zum gemeinsamen Jubel inmitten seines gewohnten Clans angeboten, jeder findet das was er sowieso schon kennt. Man bleibt unter sich oder besser in seiner Nische und mit den vielen anderen, die zwar genau dasselbe Spiel sehen aber einer anderen sozialen Schicht oder kulturellen Minderheit angehören hat man nichts mehr zu tun.

Sogar das inzwischen für FlatRateSaufen bekannte KingKong hat pünktlich zur WM einen neuen Beamer angeschafft, bei den innovativen Nerds von Platoon kann man sich Holland Spiele reinziehn und in der Friedrichstrasse versucht ein Bürovermarkter ebenfalls den WMHype mitzunehmen. Trotzdem kommt es natürlich bereits jetzt zu Eruptionen, wenn das Fussvolk ohne Zugang zu schicken Dachterrassen seine aufgestaute Energie auf der Strasse rauslässt.

Das schlimmste was geschehen kann scheint ein genereller Stromausfall wie am 15. Juni während des ersten Spiels Nordkoreas zu sein, als in der Brunnenstrasse weder ein Kühlschrank noch ein Computer und schon gar kein Fernseher mehr lief. Dieses recht seltene Phänomen fand interessanter weise in den Tageszeitungen oder im Polizeibericht keinerlei Erwähnung, der worst case wurde einfach totgeschwiegen. Aber da spielte ja auch nur die Mannschaft des Grossen Führers. Wenn Jogis Mannen antreten darf das auf keinen Fall passieren. Das Risiko ist einfach zu gross. Ein Volk ohne Spiele aber voller Bier, massenhaft auf den Strassen, ist auf jeden Fall der Alptraum der Politiker.

17. Jun. 2010

Wenn wie heute morgen die Sonne knallt, es wirklich noch sehr früh und der Drang zur Bewegung überwältigend ist lohnt es sich auf das Rad zu steigen und Richtung Norden zu fahren. Durch Parks und kleinere, vom morgendlichen TrafficJam verschonte Strassen geht es bis zum Kurt-Schuhmacher-Platz, dann entlang der Scharnweberstrasse und schon ist man am Flughafensee. Dort zeigt sich an diesem Morgen erst ein einsamer Sonnenanbeter am Strand, ansonsten sind nur Enten, Krähen und ein Schwan zu sehen.

Flughafensee Berlin

Ein einsamer Schwan

Im Hintergrund starten und landen im Abstand von Minuten die Flugzeuge in Tegel, die urbane Idylle die Berlin bietet ist hier sehr deutlich zu spüren. Das Wasser ist nach der kühlen Nacht wirklich noch sehr erfrischend, trotzdem gewöhnt man sich schnell daran. Einmal über den See zu schwimmen ist besser als jede kalte Dusche. Am gegenüberliegenden, dicht bewachsenen Ufer verstecken sich weitere Vögel, von denen nur deren erschreckte Rufe zu hören sind. Um sie nicht weiter zu stören also zurück zum Strand, wo die inzwischen warme Sonne die nasse Haut schnell trocknet. Dann geht es mit dem Rad zurück nach Mitte, um diesen perfekten Tag entspannt fortzusetzen.

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