“Man kann die Ereignisse jahrelang mit Humor hinnehmen, aber letztlich bricht das Leben einem doch immer das Herz.” (Michel Houellebecq)
Während wir am Wochenende in Berlin die Sonne genießen und endlich wieder auf dem Rasen liegen konnten und dabei den Blick in den blauen Himmel schweifen ließen, starben in Japan ungezählte Menschen infolge des Tsunamis.

Blick in den Himmel
Sicher, Japan ist weit weg, das dortige Unglück betrifft uns nicht unmittelbar, jedenfalls noch nicht. Doch das apokalyptische Gefühl bleibt. Und es endet diesmal nicht nach 90 Minuten wie im Kino bei Roland Emmerich, sondern es geht weiter und frisst sich vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein vor mit all seinen seinen Facetten. Mit Nachbeben, Feuersbrünsten, Vulkanausbrüchen und wie es aussieht inklusive der nuklearen Katastrophe. Genau wie in Japan.
Und trotzdem genieße ich es am Sonntag an der Havel in der Sonne zu sitzen, übers Wasser zu blicken, endlich wieder ein Gefühl von Sommer zu spüren als die ersten Schwärme der zurückkommenden Zugvögel über mir fliegen. Das Leben, es geht weiter, trotz permanenter Katastrophen – seien sie von Menschen verursacht wie bei der andauernden Schlächterei in Libyen oder von der Natur ausgelöst wie in Japan.

Frühling an der Havel
Wobei in Japan der Tsunami zwar der Auslöser war, doch der Mensch baut seine Kultur und damit seine Atomkraftwerke an der Küste. Ausgerechnet. Wie ungeschickt. In Indien sollen demnächst ganze Atomparks in Erdbebengebieten errichtet werden. Auch hier in Deutschland stehen Atomkraftwerke, die weder einen Flugzeugabsturz verkraften noch Erdbebensicher sind. Die Endlagerung des beinahe ewig strahlenden Abfalls ist sowieso nirgend geklärt, schon das sollte die Nutzung der Kernkraft eindeutig obsolet machen.
Das sahen am Montag gar nicht wenige Menschen genauso, die sich kurzfristig dank moderner Kommunikationstechnik als Flashmob vor dem Kanzleramt versammelten und für die Stilllegung der Atomkraftwerke eine Mahnwache abhielten. Vor genau jenem Kanzleramt, in dem noch in letztem Jahr der Ausstieg aus der Kernkraft in einer internen Runde zwischen der Kanzlerin, deren Namen ich nicht in den Mund nehmen werde, und den Chefs der vier Stromkonzerne ausgekungelt wurde.

Atomkrafte abschalten!
Politik ist also doch nicht immer so schwerfällig, zumindest nicht wenn es um die Interessen der Wichtigen und Mächtigen sowie deren Profite geht. Dabei wissen wir schon seit spätestens den 80ern dass die Salzstöcke in Deutschland nicht als Endlager des verstrahlten Mülls taugen. Doch das alles spielt keine Rolle, selbst jetzt nicht, nach der japanischen Katastrophe, die sich hoffentlich nicht zu einem zweiten Tschernobyl entwickelt. Es ist immer noch kein Thema. Sind wir unmündig oder lassen wir uns dazu machen?
Scheinbar haben wir uns an Katastrophen gewöhnt. Im Fernsehen, im Kino, bei unseren Nachbarn, auf der anderen Seite des Planeten. Wir bleiben trotzdem ruhig. Vielleicht leicht beunruhigt. Könnten wir doch etwas mit dieser Entwicklung zu tun haben? Sollten wir vielleicht unser Handeln verändern?
Doch was können wir tun? Da wir nicht in erster Linie Bürger mit Wahlrechten, sondern ganz einfach nur Konsumenten sind, müssen wir über unseren Konsum nachdenken. Vielleichten könnten wir den Stromanbieter wechseln und auf Atomstrom verzichten. Das ist einfach und mit ein paar Klicks getan. Klicks, die selbstverständlich bei einem Provider ablaufen sollten, dessen Server nicht mit Atomstrom betrieben werden.
Doch dies alleine wird zwar ein paar Zeichen setzen, da es die Stromkonzerne an ihrer empfindlichsten Stelle, nämlich ihren Einnahmen, trifft. Doch um langfristig etwas zu verändern bedarf es auch einer langfristigen Strategie. Und diese kann nur auf politischer Ebene erfolgen. Mit dem immer kurzfristigeren Blick ausschließlich auf die nächsten Wahlen werden wir damit nicht weiterkommen.
Denn unsere Probleme sind wesentlich tiefsitzender und benötigen dementsprechend Weitblick und Visionen. Ganz und gar jenseits von kurzfristigen Wahlerfolgen. Dabei werden wir uns – und damit meine ich die Menschheit auf unserem gemeinsamen Planeten – nicht alleine auf Politiker verlassen können. Wohin uns diese Delegierung von Verantwortung gebracht hat erkennen wir ja anhand der immer kurzfristiger einschlagenden Katastrophen, an den immer wiederkehrenden Kriegen, bei der Vernichtung vieler Existenzen durch ebenfalls immer häufigere Börsencrashs.
Voraussetzung einer umfassenden und langfristigen Alternative ist eine Menschheit, die sich als Einheit begreift, die sich nicht gegeneinander aufhetzen lässt. Die mit all den heterogenen Kompetenzen ihrer einzelnen Individuen ein gemeinsames Interesse daran entwickelt, tragfähige Modelle zu entwickeln, die weitere Katastrophen möglichst ausschließen. Die Entwicklung einer gemeinsamen Perspektive ist unsere einzige Chance.
Ein Tsunami wird selbstverständlich auch dann immer wieder vorkommen können, genau wie ein Erdbeben. Die Natur lässt sich offensichtlich trotz alles menschengemachten technologischen Fortschritts nicht vorhersehen. Doch Atomkatastrophen, Hungersnöte, Börsencrashs und Kriege um Ressourcen lassen sich vermeiden wenn man sie vermeiden will. Schließlich verdienen längst nicht alle, sondern nur sehr wenige Menschen an diesen selbstgemachten Katastrophen. Sollten wir unsere Perspektive des Egos über Alles nicht ändern wird die japanische Apokalypse irgendwann ganz sicher zu einer, die den gesamten Planeten bedroht.






